Nächster Halt

Mädchen in der U-Bahn. Hamburg, Kopf bis Fuß: Groß, blond, wertig.

Sie telefoniert. Sehr konzentriert, sehr aufgeregt. Es geht um das Leben, das echte Leben, und um Träume. Verkehrte Träume, wie sie findet. „Ich sag immer: Wie stellst du dir das vor? Es muss ja auch danach irgendwie weitergehen.“ Ihr Freund hat einen großen Traum: Ein halbes Jahr Florida. Ein halbes Jahr Abenteuer. Ein halbes Jahr weg sein, bei sich sein. Mit ihr, allein, weiß nicht. Sie weiß nicht. „Klar kriegen wir das sechs Monate, aber was ist danach? Er kommt ja zurück und hat nichts.“

Haltestelle Landungsbrücken. Es windet und schneit. Leute mit Mützen, Leute mit traurigen, zerknirschten Winterabendgesichtern steigen ein. Schütteln sich, schnauben. Stöhnen, seufzen. Das Mädchen spricht über Krankenversicherungen, über Lebensversicherungen, Arbeitslosenversicherungen. „Ich habe echt so Angst, dass er sich total verrechnet.“ Das Ersparte – ja, das gibt es. Aber das reicht nicht, nicht für Zukunft, Perspektive, Sicherheit. Das Auto. „Er so: Lass halt das Auto verkaufen.“ Sie so: Geht gar nicht.

Haltestelle St.Pauli. Graue Wände, graue Mäntel, graue Leute mit grauen Gesichern. Aldi-Tüten, Aktentaschen. Alltagstrott. Alltagstrottel. Alltagstrottelei-Brei-Einerlei. „Und die Wohnung, weißt du. Sollen wir die komplett aufgeben? Oder untervermieten? Wo sollen alle Möbel hin?“

Haltestelle Feldstraße. Schlecht gelaunt drängen sich Fahrgäste aneinder vorbei, schimpfen leise, manche lauter, motzen, meckern. Unzufrieden. „Und er ist so happy. Er immer so: Das wird die geilste Zeit. Das ist mein Traum. Und mein Leben. Das wird schon, das klappt schon, komm lass hier weg. Ihn macht das so glücklich.“

Haltestelle Sternschanze. Sie sollte wirklich aussteigen. Finde ich.